Geburt und wie ich mit dem HorrorSzenario Frieden schliess.

Was bedeutet Geburt für dich? „Das Schlimmste, was einer Frau nur passieren kann! Horror, Drama, Blut, Kontrollverlust, das was ich nie nie niemals erleben möchte!“ Wären wohl meine Worte gewesen, wenn mir jemand vor zehn Jahren diese Frage gestellt hätte. Wer mich und meinen Blog kennt, der weiss, dass sich meine Meinung diesbezüglich extrem geändert hat. Doch wie kam das?

HorrorTrip Geburt

Als ich noch jünger war, glich eine Geburt für mich einem HorrorTrip. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass ich nicht mal Geburten am TV anschauen konnte. Ich fand sie einfach nur eklig. Blutverschmierte, blaue Babies die von schreienden Müttern auf die Welt gebracht wurden stärkten mein Glaubensmuster, dass Geburt etwas ist, dass ich auf jeden Fall vermeiden wollte!

Für mich war logisch und klar, dass Frauen ins Krankenhaus gehen müssen um zu gebären, alle anderen hatten einen Schuss weg. Denn Geburt war auch für mich in erster Linie etwas pathologisches. Ein Zustand, der ärztliche Kontrolle erfordert, der überwacht werden muss. Ich fand Geburt blutig, schmutzig, gefährlich. Dass Mutter und Kind aus diesem HorrorTrip lebendig wieder raus kamen war tatsächlich ein Wunder.

Point of no return

Tja, und dann kam es wie es kommen musste, ich hab mich doch mit dem Gedanken Kinder haben zu wollen angefreundet. Langsam liess ich eine nach der anderen Angst los: die Angst, eine schlechte Mutter zu sein, die Angst, das Geld könnte für eine Familie nicht reichen, die Angst, ich könnte keinen Wert mehr haben, wenn ich „nur“ Mama bin. So kam es, dass ich schwanger wurde. Ein paar Ängste blieben aber noch, eine grosse davon hiess Geburt.

Als ich mit meinem Sohn schwanger war wurde mir schlagartig klar, dass es kein Zurück mehr geben wird, irgendwann mal werde ich gebären müssen!!! Nur schon der Gedanke daran liess mein Blut in den Adern stocken. Ganz ehrlich, ich hätte am liebsten mir gefühlte tausend mal in die Hosen gekackt. Apropos kacken. Genau davor hatte ich wortwörtlich riesen Schiss. Ich hatte angst davor, ich könnte während der Geburt kacken. Denn ich wollte auf keinen Fall die Kontrolle über meine Körperfunktionen verlieren. Ich hatte nicht nur Angst vor dem blutigen Ereignis, vor diesem schrumpligen Baby, dass ich irgendwie durch meine heilige Vagina pressen musste, ich hatte auch extrem angst dabei kacken zu müssen. (Anmerkung am Rande: ich hab nicht gekackt. Aber was hat mein Sohn als erstes gemacht, als er in meinen Armen lag? Ratet mal! Genau! Er hat mich vollgekackt!)

Eins wurde mir klar: ich musste mich meinen Ängsten stellen, denn auf Drama hatte ich keinen Bock. Das Bild, das ich von Geburt hatte war für mich nicht stimmig. So fing ich an, mich schlau zu machen. Darüber, ob es einen Weg gibt, eine Geburt sanft und schön zu erleben. Ich wollte wissen, ob gebären wirklich do dramatisch ist, wie es dargestellt wird.

Ich fand für mich einen Weg, der mir Sicherheit versprach: Hypnobirthing. Ich fand den Gedanken schön, mit Affirmationen zu arbeiten, mir ein Drehbuch zu schreiben, wie meine Wunschgeburt aussehen soll. Ich lernte, mir meinen Bedürfnissen bewusst zu werden und dafür einzustehen. Ich fing an, entspannter und gelassener diesem Point of no return entgegen zu schauen.

Und dann bist du da und gebärst

Gebären passiert. So oder so. Irgendwann mal normalerweise zwischen der 37. und 42. Schwangerschaftswoche. Da gibt es nix zu rütteln dran. Das Einzige, auf das wir ein bisschen Einfluss haben ist die Art und Weise, wie wir das Happening erleben wollen.

Meine erste Geburt war naja, sagen wir mal ganz ok. Ich hab mich sehr gut darauf vorbereitet, nur eine kleine Variabel dabei vergessen: mein Arzt, der mich zur Geburt begleiten sollte und mit dem ich alles abgesprochen hatte war in den Ferien, als ich Fruchtwasser verlor. Mir blieb nichts anderes übrig als mich im Krankenhaus zu melden und so kam ich in den Genuss von einer künstlichen Einleitung, weil das Infektionsrisiko erhöht war. Ich erfuhr, wie sich künstliche Wehen anfühlten. Ich merkte, wie über meinen Kopf hinweg entschieden wurde, als man mir das Auspulsieren der Nabelschnur verwehrte. Mir wurde bewusst, wie mir die Medikamente, die mir gegeben wurden nicht gut taten. Und ich sah, wie Hebammen von Ärzten schlecht behandelt wurden, obwohl sie es waren, die mich grossherzig und mit viel Engagement begleiteten. Ich verstand nicht, weshalb für die letzten fünf Minuten meiner Geburt ein fremder Arzt dieser beiwohnen musste. Ein Mann, der ohne mich zu fragen meinen Damm schnitt, um ihn nachher wieder zusammen zu nähen.

Aber eines, ja eines war überwältigend schön: dieses kleine, weiche, süsse überhaupt nicht schrumpelige Baby zum ersten Mal im Arm zu halten. Mama zu sein. Mir wurde bewusst, nicht nur mein Sohn wurde geboren, auch eine Mama wurde geboren. Mutterliebe überströmte mich. Alles andere war nebensächlich. 

Dann hab ich wieder geboren. Und wieder.

Je öfter ich schwanger war, desto mehr wurde mir eines bewusst: eine Geburt lässt sich recht gut mit einem Eisberg vergleichen. Zu sehen ist nur die Spitze, die macht aber bloss 10% vom Ganzen aus. So sehen wir wohl nur das, was wir sehen wollen. Oder das, was uns offensichtlich gezeigt wird.

Unbewusst sind wir auf sichere Geburten in Krankenhäusern, weniger sicheren Geburten in Geburtshäusern und fahrlässige Hausgeburten eingestellt. Weil das Kollektiv so denkt. Ob uns da tatsächlich eine KrankenhausGeburt wirklich gut tut ist nebensächlich. Ich bezweifle es. Jede Frau soll für sich entscheiden dürfen, was Geburt für sie sein soll. Wenn das Krankenhaus mit Ärzten und medizinischer Versorgung für sie die erste Wahl ist, um sich sicher zu fühlen, dann ist das wohl ok.

Mir scheint, das Spital ist der Ort mit dem grössten Interventionsrisiko für eine Geburt. Für die, die auf Interventionen stehen mag das was tolles sein, es gibt dort viele Menschen, die für andere entscheiden dürfen.  Ich weiss, die meinen es alle nur gut mit dir und geben ihr bestes. Nur ihr bestes ist für mich nicht gut genug.

KrankenhausGeburten erinnern mich an Hunde, die auf dich zu laufen, um mit dir zu raufen: irgendwie ist dir nicht wohl bei der Sache, weil du den auf dich zu stürmenden Hund nicht kennst, der Hundehalter sagt dir aber immer wieder, dass der nur spielen will und alles ok ist. Lustig findest du den Hund und sein Spiel aber trotzdem nicht, weil dir Hunde grundsätzlich angst machen. (nichts gegen Hunde und ihre Halter, mir gefällt der Vergleich nur gerade ziemlich gut!)

Interventionsloses Gebären funktioniert im Krankenhaus, ich habe es selber bei meiner zweiten Geburt so erlebt. Es lässt die Hebammen dort vor Freude tanzen, so selten sind sie. Es setzt voraus, dass frau ganz ganz ganz genau weiss, was sie will und was nicht.

Beim dritten Mal haben wir im Geburtshaus geboren. Für mich war das bis jetzt der schönste, entspannendste Wohlfühlort für mich um mein Kind auf die Welt zu bringen. Ich hab die Ruhe dort sehr genossen. Und die Geburt selber war ein wundervolles Ereignis.

Drei Mal war ich schwanger. Drei Mal hab ich mich mit dem Thema Geburt auseinander setzen müssen. Und dreimal durfte sich meine Einstellung zum Thema Geburt wandeln. Viele Glaubenssätze hab ich erkennen und lösen dürfen. Das Ganze war ein Weg. Mein Weg.

 

5 thoughts on “Geburt und wie ich mit dem HorrorSzenario Frieden schliess.

  1. Interventionslose Geburt im Krankenhaus – darüber habe ich mir schon Gedanken gemacht, kannst du zu dieser speziellen Erfahrung nochmal was schreiben oder gibt es dazu schon einen Artikel? Das wäre ganz toll, liebe Grüße Ella

    Gefällt 2 Personen

      1. SUper ich freue mich. Finde ich nämlich eine spannende Sache, selbstbestimmt aber doch mit der Sicherheit im Rücken die das Krankenhaus bietet. Würde gerne wissen wie das Personal damit umgeht und wie der ganze ABlaufe ist 🙂 Danke dir 🙂

        Gefällt 1 Person

  2. Liebe Tanja,

    ich kann dir nur zustimmen, dass sich das Geburtserleben stark verändert, wenn sich die Glaubenssätze ändern. So ist es auch bei mir.
    Ein stark verankerter Glaubenssatz, der von meiner Mutter stammte, war der: dass Frau niemals nie schreien darf oder auf irgendeine Art die höllischen Schmerzen zum Ausdruck bringen darf. Das wäre eine Schwäche und Blöße, die „wir in unserer Familie“ uns nie geben würden. Das ist doppelt fatal: einerseits das Einimpfen des unausweichlichen Schmerzes und andererseits das Unterdrücken von Empfindungen. Schlechter kann man nicht in eine Geburt gehen…

    Liebe Grüße
    Mother Birth

    Gefällt 1 Person

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