GewaltAkt Geburt. #rosrev

Morgen ist Roses Revolution Day. Zeit für mich, über Gewalt in der Geburt zu schreiben, Nora Imlau hat zusammen mit dem Team des Roses Revolution Day Deutschland zu einer Blogparade aufgerufen, an der ich gerne mit teil nehme.

Gewalt ist ein grosses Wort. Ein Wort, bei dem sich mir die PopoBacken zusammen ziehn. Das erste, was mir dabei in den Sinn kommt sind  Bilder von Krieg, Naturgewalten, die über Landstriche ziehen, ich denke an Kinder, die körperlicher oder psychischer Gewalt ausgesetzt sind. Gewalt lässt das Opfer zum Spielball von seinem Täter werden.

Ich hätte mir, bevor Mama werden und Geburt zu meinem Thema wurde nie Träumen lassen, dass auch Gewalt unter der Geburt ausgetragen werden kann. Mir war immer klar, dass die Geburt an sich ein sehr gewaltiger, kraftvoller Akt ist, und vielleicht auch gerade darum, gewaltige Massnahmen fordert. Ich hab diese Massnahmen aber nie in Frage gestellt. Ich habe sie auch nicht in meiner ersten Geburt in Frage gestellt, denn ich glaubte damals noch fest daran, dass das alles genau richtig läuft und ein GewaltsAkt halt auch einen GewaltsEinfluss fordert. Damals hab ich noch nicht verstanden, dass eine Geburt ein KraftAkt sein kann, und zwar ein wunderschöner, sanfter oder auch wilder,  wenn man der Gebärenden die Möglichkeit einräumt, bei sich, in ihrer eigenen GeburtsKraft sein zu dürfen, diese ungestört durchleben zu dürfen. Und sie dabei sanft und achtsam begleitet.

Nun ja, heute bin ich etwas schlauer. Heute weiss ich, dass ich mir die doofen, herablassenden Sprüche des Anästhesisten über meinen tätowierten Rücken nicht hätte gefallen lassen müssen. Die PDA, die er mir zwischen Stuhl und Bank halbherzig und murrend verpasst hat, hat ihre Wirkung sowieso nicht mehr gezeigt, nur das konnte ich im Vornherein ja nicht wissen. Heute weiss ich, dass der nette Arzt, der die letzten zehn Minuten meiner Geburt in den Kreißsaal gestürmt kam, um mich ungefragt zu schneiden,  das vielleicht auch hätte sein lassen können. Er schnitt sowieso sehr gerne. Auf unseren Wunsch, die Nabelschnur unseres Sohnes auspulsieren zu lassen ist er schlichtweg nicht eingegangen. Die Idee hat ihm nicht gefallen.

Alle diese kleinen, feinen Gewaltseinflüsse haben meinen KraftAkt, meine Geburt beeinflusst. Sie haben den KraftAkt in einen GewaltsAkt umgewandelt. Sie haben mir den Flow genommen, sie haben verhindert, dass ich ganz und gar bei mir und meinem Baby bin. Ich habe nicht geboren, ich wurde entbunden.

Meine Story ist im Vergleich zu anderen schlimmen Geschichten, die Frauen in Kreissäälen erleben nicht der Rede wert. Und trotzdem kommt in mir immer wieder das Gefühl auf, übergangen und nicht ernst genommen worden zu sein. Ich schäme mich manchmal sogar für das Gefühl, denn ich weiss, dass das, was wir da erlebt haben eine StandartGeburt war. Und zwar eine gute. Also bitte, was jammer ich? Schliesslich hielt ich danach ein gesundes Baby im Arm. Und auch mir ging es sehr gut. Und ganz ehrlich, hätte ich danach nicht noch zwei mal auf eine ganz andere, selbst bestimmte Art und Weise geboren, dann würde ich meine erste Geburt wohl nie in Frage stellen, ich hätte es einfach nicht besser gewusst.

Wie ich diesen Satz hasse! Ich kann ihn nicht mehr hören. „Schliesslich ist jetzt alles vorbei, und du hast jetzt ein gesundes Baby im Arm.“ ist für mich die Decke des Schweigens, die man über eine Situation legt, wenn man nicht darüber reden möchte. Oder besser gesagt, nicht zuhören möchte. Genau dieses Zuhören enorm wichtig nach einer traumatischen Geburt. Nach jeder Geburt. Denn sie will verarbeitet werden. Also liebe Verwandten, Freundinnen und Männer, wenn euch dieser Satz über die Lippen rollen will, wartet kurz zuerst zehn Sekunden und überlegt euch, ob ihr nicht lieber einfach nur zuhören wollt, damit diese frisch gebackene Mutter, die mit euch spricht eure ganze Aufmerksamkeit hat, eine Stimme bekommt.

Frauen, die Gewalt unter der Geburt erfahren haben sollen die Möglichkeit bekommen, angehört und ernst genommen zu werden. Weil sie nicht die einzigen sind, weil es leider noch ganz viele von ihnen gibt. Und weil es sehr wichtig ist, ihnen zu zu hören, ihnen eine Stimme zu geben.

Der Roses Revolution Day gibt ihnen diese Stimme. Also bitte, ihr Geburtshelfer da draussen, schenkt diesen Frauen auch eure Aufmerksamkeit. Vielleicht nicht nur an diesem einen Tag im Jahr. Ich weiss, euer Job ist hart, anstrengend, auch ihr geht an eure Grenzen. Auch ihr wollt einfach nur, dass dieses Kind gesund auf die Welt kommt. In einem Umfeld, wo ihr betriebswirtschaftlich rentieren müsst, ihr grossem Druck von vielen Seiten ausgesetzt seit. Nur, vielleicht setzt ihr euch mal in einer ruhigen Minute hin und überlegt euch, ob Geburt wirklich so ablaufen muss. Ein bisschen Selbstkritik hat noch nie jemandem geschadet.

Ich kämpfe gerade mit einem Virus. Ein kleiner Käfer, der sich in meinem Körper eingenistet hat und seit sechs Tagen mit mir Katz und Maus spielt, meine Därme strapaziert und sie verrückt spielen lässt. Langsam geht mir das an die Substanz. Ich muss Termine absagen, fühl mich schwach, mir ist nicht wohl. Ein kleiner, unsichtbarer Virus, der so viel Gewalt über meinen Körper hat, mich bestimmt.

Ich glaube, dass wir Frauen auch wie so ein Virus wirken könnten. Im positiven Sinne. Es mag sein, dass wir zu einem bestimmten Grad dem medizinischen Personal ausgeliefert sind. Aber wir sind auch deren Kunden. Es geht um unsere Geburt und unsere Bedürfnisse. Stetes Wasser höhlt den Stein. Vielleicht braucht es mehr Frauen, die vor oder auch während (ich weiss, sehr schwierig!) der Geburt ganz genau ihre Grenzen kommunizieren, für ihre Wünsche einstehen, klar sagen, was sie wollen und was nicht.

Nehmen wir zum Beispiel das Thema auspulsieren der Nabelschnur, wer weiss, vielleicht wird das in zwei Jahren ganz normale Realität in den Spitälern sein, weil immer mehr Frauen genau diesen Wunsch äussern. Und ihn verteidigen. Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Geburtshelfer, der vielleicht einmal im Jahr mit diesem Wunsch konfrontiert wird keine grossen Hemmungen hat, darüber hinweg zu sehen, weil die Routine eine andere ist. Nur: wenn pro Tag fünf Gebärende den gleichen Wunsch äussern, dann muss doch das irgendwann mal zum Umdenken anregen?

Oder nicht? Vielleicht bin ich eine hoffnungslose Optimistin. Aber ich will nicht aufhören, daran zu glauben, dass wir etwas ändern können. Auch allen diesen Frauen zu liebe, die schreckliche Sachen über sich ergehen mussten während der Geburt.

 

 

2 thoughts on “GewaltAkt Geburt. #rosrev

  1. Liebe Tanja,

    ich will auch nicht die Hoffnung aufgeben, dass es ein Umdenken zur #positivenGeburtskultur geben wird – mit all ihren Facetten. Auch ich bin eine hoffnungslose Optimistin, die immer für ihre Vision kämpfen und nicht mehr stillschweigen wird.
    Lass uns laut werden und unsere Wünsche, unsere Rechte einfordern! Wir gebären und werden NICHT entbunden!

    Liebe kämpferische Grüße
    Mother Birth

    Gefällt mir

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