Wie willst du denn deine Kinder erziehen?

Hm, gute Frage. Wenn ich ganz ehrlich bin, hab ich mir die gar noch nie so wirklich richtig gestellt. Denn Erziehung war für mich gar nie ein Thema. Manch einer könnte sich jetzt fragen, ob ich eine an der Klatsche habe. Da stellt die Frau drei Kinder in die Welt und hat keinen Schimmer, wie sie sie erziehen will?

Klar erzieh ich meine Kinder. Das ist sowas, das man einfach so tut. Bewusst oder unbewusst. Wird man Eltern, erzieht man automatisch, denn:

„Unter Erziehung versteht man die pädagogische Einflußnahme auf die Entwicklung und das Verhalten Heranwachsender. Dabei beinhaltet der Begriff sowohl den Prozeß als auch das Resultat dieser Einflußnahme.“

erklärt uns Wikipedia. Und als Eltern nehmen wir Einfluss auf unsere Kinder. Das passiert ganz nebenbei. Ob wir nun wollen oder nicht. Wir können das einfach etwas bewusster oder unbewusster erleben.

Ich hab mir einfach nie Gedanken darüber gemacht, welche pädagogische Massnahme ich bei meinen Kindern anwenden will. Da schwirren ganz viele verschiedene Begrifflichkeiten in meinem Kopf rum wie Attachement Parenting, anti Autoritäre Erziehung, konservative Erziehung, Bedürfnis orientiertes Erziehen, etc.

Alles ganz tolle Ansätze, wenn man als Anwender davon überzeugt ist, das Gefühl hat, dass man so auf dem richtigen Weg ist, das Richtige für seine Sprössline tut, damit aus ihnen ganz tolle Menschen werden, die ihr Leben in dieser Welt erfolgreich meistern. Es kommt mir oft so vor, als ob viele Eltern hauptsächlich das Resultat ihrer pädagogischen Massnahmen im Kopf haben anstatt den Prozess. Und zur Erziehung gehört anscheinend ja beides dazu.

Kann es sein, dass sich viele aus Angst, sie könnten irgendwas an der Erziehung ihrer Kinder versemmeln, leiten lassen? Nur, muss den das Ergebnis unserer Erziehung, wie wir es im Kopf haben, tatsächlich richtig für unser Kind sein? Ich weiss es nicht. Ganz ehrlich.

Ich bin aber auch nicht Pädagogin. Und hab keine Ahnung in der Theorie, wie denn eine gute Erziehung aussehen soll. Und ganz ehrlich: ich hab auch keine Ahnung, wie meine Kinder raus kommen werden. Ich weiss nur eins, und das haben sich mein Mann und ich uns geschworen, lange bevor wir Kinder bekommen haben: wir wollen Kinder nicht in ein vordefinierten Leben (er)ziehen. Wir wollen sie in ihr Leben begleiten. Das ist wohl unser ErziehungsCredo, dass wir schon vor langer Zeit fest gelegt haben. Ich geb es ehrlich zu, das kann manchmal ziemlich anstrengend sein.

Eigentlich ist es doch ganz einfach:

  1. Kinder sind nicht dumm. Sie schauen uns Eltern ganz viel ab, kopieren uns, sehen, wie wir im Leben stehen. Irgendwas dem Kind vorgaukeln, dass wir selber nicht leben, funktioniert da nicht. Weil Kinder ganz feine Antennen haben. Die sehen noch mit dem Herzen, und das ziemlich gut. Viel besser als wir. Wenn ich also meiner Tochter sage, dass sie ein wunderschönes, kleines Mädchen ist und es toll ist, eine Frau zu sein und ich selber schau mich im Spiegel an und nörgel über meinen dicken Bauch, die kleinen Brüste und die Cellulitis am Arsch, während sie daneben steht und meine Unzufriedenheit spürt, ja welcher Aussage schenkt dieses Kind dann mehr Aufmerksamkeit? Den gesprochenen Worten, deren Bedeutung sie teilweise gar noch nicht versteht, oder dem, was sie fühlt?
  2. Kinder sind unsere Spiegel. Willst du dein Kind ändern, dann ändere DEIN Verhalten und nicht das des Kindes. Mein Sohn hat immer wieder diese Wutausbrüche. Regelmässig. Dann ist es sehr schwierig, ihn wieder da raus zu holen. Und genau das ist es, was ich jeweils dann am liebsten machen würde. Ihn da raus holen. Damit er möglichst schnell ruhig ist. Damit ich nicht mit diesem wütenden Kind durchs Dorf laufen oder im Warenhaus stehen muss. Denn Wut, ja Wut ist eine Emotion, die nicht gerne gesehen ist in unserer Gesellschaft. Hm. Irgendwann mal hab ich mich gefragt, weshalb mich diese Anfälle so durcheinander bringen. Und da hab ich es gesehen: dieses wütende, kleine Mädchen in mir drin, dass auch gern mal ein bisschen Dampf ablassen möchte. Also fang ich jetzt regelmässig damit an, meiner Wut, meinen Schattenseiten Raum zu geben. Seit dem geht es mir besser. Meine Migräne wird auch weniger. Und mein Kind hat weniger Wutanfälle, und wenn es einen hat, geb ich ihm Raum. Und meiner Wut auch. So muss es auch nicht mehr so lange wütend sein.
  3. Kinder sollen spielen, die Welt entdecken, einfach sein. Da muss nicht immer alles einen Sinn haben oder pädagogisch wertvoll sein. Ich hab gelernt, einfach mal die Kinder machen zu lassen. Meine älteren lieben es zum Beispiel beim Malen schwarz zu malen. Alle andern Farben sind uninteressant. SCHWARZ muss alles sein. Am liebsten das ganze Blatt. Ich werte das mittlerweile nicht mehr, gebe aber zu, dass ich mich schon mal mit dem Gedanken erwischt hab, ob mit den beiden irgendwas nicht stimmt, dass sie so düster malen. 
  4. Kinder brauchen Vertrauen. In uns, in sich, in das Leben. Mir ist es wichtig, dass meine Kinder wissen, dass sie immer, immer zu mir kommen können. Egal mit welchen Sorgen. Aber sie dürfen auch ihre Welt ganz alleine erforschen, raus ins Leben, in dem Tempo, das für sie und nicht für mich richtig ist. Auch ich darf lernen, ihnen zu vertrauen. Immer wieder aufs neue. Darauf zu vertrauen, dass das Baby schon genau weiss, wann und wie es zu uns kommen möchte war der Anfang von dieser VertauensReise. Wir sind für unsere Kinder da. Präsent. Auch wenn das zum Beispiel heisst, mit ihnen jeden Abend einzuschlafen, weil sie unsere Nähe brauchen. Im Bett den Tag besprechen wollen. Das Baby einfach meine Nähe und meine Brust bis zum Abwinken braucht.
  1. Eure Körper sind heilig. Damit beginnt meine Aufklärungsrunde. Ja du hörst richtig. Ich kläre meine Kinder auf. Von ganz klein an. Ich hab damit begonnen, als mein Sohn zwei Jahre alt war und meine mittlere Tochter eins. Und ja, meine Kinder wissen, wie ein Baby entsteht. Sie wissen, dass da der Penis in die Vagina der Frau eindringt und ein Sperma eine Eizelle befruchtet. Das ist bei uns eine ganz normale Diskussion, ohne Tabu. Wenn mein Sohn eine Errektion hat erkläre ich ihm, für was er die später mal brauchen wird. Und meine Kinder wissen, dass ihre Körper heilig sind, dass die nicht geschlagen werden dürfen. Dass andere Menschen (auch Mama und Papa) ihre Genitalien putzen dürfen, zu mehr (streicheln zum Beispiel) sie aber nicht ermächtigt sind. Und meine Kinder wissen, dass es auch ganz normal ist, dass sich zwei Männer oder zwei Frauen lieben, die aber selber so keine Kinder machen können. Weil es dazu immer eine Frau und einen Mann braucht.
  2. Kinder sollen erfahren, was es heisst, Selbstwertgefühl zu haben. Und auch das lernen sie nur, wenn wir es ihnen vor machen. Wie sollen sie sich wertvoll fühlen, wenn ihre Eltern sich selbst als wertlos betrachten?
  3. Meine Kinder sollen wissen, dass man jeden Menschen mit Respekt behandelt. Da sagt man „Grüezi“ wenn jemand an einem vorbei geht und „Danke“ wenn man was bekommt. Das ist ganz normaler Respekt, und den lernen sie nur von Eltern, die andere Menschen und sich gegenseitig auch respektvoll behandeln. Mein Sohn hat letztens der Grossmutter, die bei uns war, um für uns Mittagessen zu kochen, beim Tschüss sagen gesagt: „tschüss Omi, danke vielmals für das feine Zmittag!“ Wow, in solchen Situationen steh ich nebenan und denk mir, er hats verstanden.
  4. Last but not least: meine Kinder sollen wissen, dass auch wir nicht perfekt sind, und dass es ganz normal ist, als Mensch Fehler zu machen. Ich entschuldige mich bei meinen Kindern. Regelmässig. Dann, wenn ich finde, dass ich jetzt echt eine ScheissMutter war, dann, wenn ich sie grob angefasst habe, weil ich zum tausendsten Mal denselben Satz gesagt hab und mir niemand folgen tut und sie mir sagen: „Hei, mein Körper ist heilig!“ Unsere Kinder sehen uns regelmässig streiten. Jawoll. Vor ihnen streiten wir. Wir versöhnen uns aber auch wieder. Sie sollen lernen, wie man Konflikte konstruktiv löst. Und sie sollen sehen, dass wir auch mal Scheisslaune haben.

Ganz ehrlich, ich hab keine Ahnung, ob meine Rechnung irgendwann mal aufgehen wird. Ob ich eine gute Mutter bin. Mein Mann ein guter Vater. Ich weiss nur, dass wir unsere Kinder ins Leben begleiten wollen, und uns selber dabei nicht vergessen wollen. Ich hab nicht das Gefühl, dass ich ihnen zeigen muss, wie der Hase (für mich) läuft. Das werden sie sicher selber schon früh genug raus finden. Denn jeder Mensch erlebt diese Welt hier anders. Kommt mit einem ganz eigenen Rucksack auf die Welt. Auch unsere Kinder.

Ich wünsche mir einfach, dass meine Kids, wenn sie mal erwachsen sind, nicht noch lange mit ihrer Kindheit versöhnen müssen, Tonnen schwere Glaubensmuster aufzudecken und aufzulösen haben, sondern sich frei fühlen und leben dürfen. Dass sie spüren, was sie brauchen für ein glückliches, authentisches Leben. Dass sie merken, dass es da so vieles zu erkunden, erforschen und erleben gibt, und dass wir es sind, die es in der Hand haben, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Ich wünsch mir, dass sie Menschen werden, die andere Menschen mit Respekt behandeln, ihr Gegenüber sehen, spüren, wahr nehmen. Das wünsch ich mir für meine Kinder. Mir ist dabei scheissegal, welche Ausbildung sie machen, ob sie hetero oder homo oder einfach nur Freaks sind. Hauptsache, sie leben sich und IHR Leben.

Hier noch ein paar Links zu tollen Interviews und Vorträgen, die mich zu diesem BlogPost inspiriert haben:

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