Um Himmels Willen, sie stillen?

Sicherlich habt ihr alle schon mal von Glaubenssätzen, Glaubensmustern, Programmen usw. gehört. Heute möchte ich einen Begriff erläutern, der zwar ein bisschen weniger geläufig ist, den es aber auch schon eine längere Zeit gibt. Die Meme. Und weil die Meme mich so faszinieren (Glaubenssätze übrigens auch), starte ich gleich mit diesem Beitrag eine MamaMem Reihe.

Zuerst erkläre ich aber ganz kurz, was so ein Mem ist. Meme sind virale Gedanken, die sich in einer Gesellschaft wie ein Virus verbreiten. Das spannende daran ist, dass sich Meme horizontal und somit sehr sehr schnell verbreiten können. Meme wollen sich gerne und schnell replizieren. Ein Mem kann ein Wort, ein Gedanke, eine Theorie oder auch Musik sein.

Es gibt zwei verschiedene Arten von Memen: die einen dienen als Tool, als Werkzeug und erweitern unsere Möglichkeiten, unseren Geist, unseren Horizont. Sie beflügeln uns und lassen uns über uns hinaus wachsen, wir entwickeln uns. Die anderen, die die sich wirklich wie ein Virus verhalten, machen uns angst und beengen uns, verhindern unser Wachstum und halten uns klein.

Wikipedia beschreibt das Mem folgendermassen:

Das Mem (Neutrum; Plural: Meme) ist Gegenstand der Memtheorie und bezeichnet einen einzelnen Bewusstseinsinhalt, zum Beispiel einen Gedanken. Es kann durch Kommunikation weitergegeben und damit vervielfältigt werden und wird so soziokulturell auf ähnliche Weise vererbbar, wie Gene auf biologischem Wege vererbbar sind. Ganz entsprechend unterliegen Meme damit einer soziokulturellen Evolution, die weitgehend mit denselben Theorien beschrieben werden kann.

Und nun ist es so, dass sich Menschen mit denselben Memen lieben, weil sie sich zu einer Gemeinschaft sehr hingezogen fühlen, einem Clan zugehörig sind. Wenn wir auf jemanden treffen, der unseren Mem mit uns nicht teilt, dann, ja dann werden wir rabiat. Und genau das ist doch das Spannende! Kann es sein, dass diese Mem die Grundlage für die vielen MommyWars sind?

Wer sich mit der Memetik, so nennt man die Lehre der MemTheorie ein bisschen tiefer beschäftigen möchte, dem empfehle ich ein Video von Vera F. Birkenbihl, in dem sie diese Meme sehr schön erklärt.

Nun ist es so, dass ich, wenn ich mich so in der MamaWelt rum schau, das Gefühl habe, von solchen Memetischen Gedanken umzingelt zu sein. Da kommen mir gleich Sätze in den Sinn wie:

  • Geburt ist ein schmerzvoller Vorgang
  • Ein Kind muss ab dem 7. Lebensmonat durchschlafen
  • Das Baby muss möglichst bald im eigenen Bett schlafen
  • Ein Baby soll nicht zu oft getragen werden, weil sonst verwöhnt man es
  • Stoffwindeln ist was für grüne
  • Kinder brauchen Erziehung
  • Mama muss arbeiten gehen sonst verpasst sie den Anschluss
  • Ein Kind wird im Krankenhaus geboren
  • Eine normale Stillbeziehung dauert 6 Monate

 

Oh ich könnte diese Liste beliebig weit ergänzen. Und weil das so ist, hab ich mir vor genommen, diese MamaMeme mal genauer anzuschauen. Zu beleuchten, vielleicht den einen oder andern Blickwinkel zu verändern.

 

Mein erstes MamaMem befasst sich mit dem Stillen. 

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Der totale Klassiker für mich. Denn auch ich bin beim ersten Kind auf dieses sechs Monate Stillen Mem rein gefallen.

Überall hört und liest man den Satz, dass ein Baby die ersten sechs Monate ausschliesslich gestillt werden soll. Und irgendwie hat die Gesellschaft es geschafft, so scheint es mir jedenfalls, diesen Satz so zu verdrehen, dass es „normal“ ist ein Baby nur 6 Monate zu stillen. Alles was drüber ist, das ist lang. Unnötig. Da macht sich eine Frau abhängig vom Kind. Hat keine Freiheit mehr. Uuuuuh, das Kind könnte schwul werden oder noch schlimmer: es tanzt der Mutter auf der Nase rum.

Dieser „sechs Monate ausschliesslich stillen“ Satz findet man auf jeder Baby Ersatzmilch Dose, auf jeder Anzeige für Pulvermilch. Wieso? Weil die Industrie dazu gezwungen wurde, zu deklarieren, dass stillen immer noch die beste Form für eine gesunde Ernährung ist. Und das ist es auch. Wenn das alles mit dem Stillen klappt. Obwohl dies bekannt ist gehören die Stillraten in den westlichen Ländern zu den weltweit tiefsten. Die WHO schätzt, dass nur 25% der Säuglinge in Europa in den ersten sechs Lebensmonaten ausschliesslich gestillt werden.

Die WHO empfiehlt, voll ausgetragene, mit Normalgewicht geborene Kinder bis zum sechsten Monat (180 Tage) ausschließlich zu stillen, d.h. ohne weitere Speisen und Getränke außer Muttermilch zu ernähren. In den ersten sechs Monaten konnten nämlich keine nachteiligen Effekte des ausschließlichen Stillens auf das Wachstum beobachtet werden, wenn die Mutter nicht unterernährt war. Ausschließliches Stillen bietet in dieser Zeit mehrere Vorteile für Kind und Mutter. Das Kind erhält einen besseren Schutz des Magen-Darm-Traktes vor Infektionen. Außerdem wurde bei Säuglingen, die sechs Monate ausschließlich gestillt wurden, eine bessere motorische Entwicklung beobachtet. Nach sechs Monaten jedoch kann Muttermilch allein die Ernährungsbedürfnisse des Kindes immer weniger befriedigen. In diesem Alter sind die meisten Babys bereit für Beikost. Frühgeborene oder mit niedrigem Gewicht geborene Säuglinge sowie Kinder von unter- oder mangelernährten Müttern müssen unter Umständen schon vor dem sechsten Monat Eisen und andere Nährstoffe (z.B. Zink und Vitamine) zusätzlich zur Muttermilch erhalten. (aus dem StillLexikon)

Nun gut, ich denke mir mal, dass sich aus dieser Empfehlung heraus der MamaMem gebildet hat, dass sechs Monate stillen normal sind, und nach diesen sechs Monaten auf Pulvermilch umgestiegen werden darf oder sogar soll.

Manchmal hab ich eher das Gefühl frau soll. Denn ein Kind, dass irgendwie aus diesem „6 Monate altes Baby“ Rahmen raus gewachsen ist und noch gestillt wird, wird von manchem  StillSpanner ziemlich schreg angeschaut.

Im Gegensatz dazu, haben Mütter, die weniger als diese sechs Monate stillen ein extrem schlechtes Gewissen, weil sie ihr Kind nur 2, 3 oder 4 Monate oder eben gar nicht mit dem WunderSaft Muttermilch füttern konnten.

Lustiger Weise gehör ich zu beiden Lagern. Meinen Sohn konnte ich nur 4 Monate stillen. Weil ich nach 14 Wochen Mutterschaftsurlaub wieder arbeiten ging. Und mein Kind meine mühsam abgepumpte Milch in der Flasche verweigerte. Er bevorzugte Pulvermilch. Jede Hebamme und Stillberaterin schaut mich mit grossen Augen an, wenn ich ihr das erzähl, aber es ist wahr. Mein Sohn entschied sich damals für die Pulver- und gegen die Muttermilch. Ich kann mich noch sehr gut an den Stress erinnern, den ich mir gemacht habe, ihm die Flasche ab der 8. Lebenswoche anzutrainieren, damit er fit war für die Kita und ich entspannt wieder zur Arbeit gehen konnte. (heute schüttel ich den Kopf darüber)

Meine jüngste Tochter, die bald 10 Monate alt wird, stille ich immer noch. Uuuuuh, jep, da ist die 6 Monate MemGrenze schon ziemlich überschritten. Da hab ich schon fast ein Kleinkind an meinem Nippel hängen. Bis jetzt hab ich persönlich noch keine komischen Kommentare erhalten. Vielleicht getraut mir das auch niemand so direkt zu sagen, wer weiss. Dass die Leute fragen, ob man noch stillt find ich eine normale, legitime Frage die gehört für mich nicht in die Kategorie „komische Kommentare“.

Für mich ist nichts falsches, komisches, oder abartiges daran, ein Kleinkind zu stillen. Denn, und das ist der zweite Teil der WHO Empfehlung, der immer und immer wieder ausgeklammert wird:

Das Stillen nach Bedarf sollte mindestens bis zum Alter von zwei Jahren fortgesetzt werden, da Muttermilch weiterhin eine wichtige Quelle für viele Nährstoffe ist. Muttermilch ist während Erkrankungen des Kindes besonders wichtig, wenn das Kind das Essen verweigert, nicht aber die Brust. Stillen schützt in diesen Phasen vor einer Austrocknung und bietet die notwendigen Nährstoffe für die Genesung. Weiterhin wurde eine längere Stilldauer mit einem geringeren Risiko chronischer Erkrankungen und Übergewicht im Kindesalter und mit verbesserten kognitiven Leistungen in Verbindung gebracht. (aus dem StillLexikon)

Aha, es gibt auch noch ein Stillen nach Bedarf!!! Nur das wissen die meisten Mütter nicht! Und genau dieses Stillen nach Bedarf mach ich jetzt. Und geniess es. Und für die, die es stört, hab ich ein Foto das empört:

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Denn ich bin immer noch ein kleiner Stillfreak. Und solang meine Tochter will, so lang mach ich weiter damit. Und scher mich um dem MamaMem Nr. 1, dass Stillen 6 Monate dauern soll einen Dreck. Vielleicht ändert sich dieser VirusMem ja mal in einen ToolMem, der sich horizontal verbreitet und lautet: Das Stillen nach Bedarf sollte mindestens bis zum Alter von zwei Jahren fortgesetzt werden, da Muttermilch weiterhin eine wichtige Quelle für viele Nährstoffe ist.

Hast du noch Lust dazu, weitere MamaMeme zu beleuchten, und es gibt einen ganz speziellen für dich, wo du Lust dazu hast, dass ich darüber schreib? Dann inspirier mich und schreibe ins Kommentar Feld deinen LieblingsMamaMem.

3 thoughts on “Um Himmels Willen, sie stillen?

  1. Hach, so ein schönes Bild. Ich hatte mal fast die gleiche Haarfarbe ❤ Ich hab hier tatsächlich noch ein fast zweijähriges Kleinkind an der Brust hängen. Logisch, nicht mehr so viel, wie damals mit 10 Monaten, aber so ein bis zweimal am Tag schon noch. Aktuell krank, dann sogar wieder öfter. Dafür nachts nicht mehr. Gut, kam von mir aus, aber nachts als Nuckel herzuhalten war einfach zu anstrengend. War nicht einfach, aber sie hat es akzeptiert, nimmt ihren Nuckel und kuschelt. Seitdem, was mich sehr überrascht, schläft sie morgens länger und ist besser drauf. Und wie es tags weiter geht, keine Ahnung. Irgendwann will entweder sie oder ich nicht mehr. Ich finde dieses Betonen der ersten 6 Monate so überflüssig. Ein Baby ist das gesamte erste Jahr ein Säugling und wenn es mit dem Stillen klappt und man sich wohl fühlt dabei (das ist ein ganz wichtiger Faktor), warum eine Stillbeziehung dann wieder kappen und Milchpulver nehmen? Die Milch ist nicht besser, macht nicht satter und passt sich nicht an. Ich weiss nicht, das ist irgendwie so, wie ein Proteinshake nach dem Sport. Der bringt effektiv auch nichts, wird aber als ganz toll propagiert. Wie Pulvermilch. Nur sollte die wirklich nur dann zum Einsatz kommen, wenn es mit dem Stillen nicht klappt (egal aus welche Gründen, ob emotional oder medizinisch oder sonst was). Noch besser fände ich, wenn es mehr Möglichkeiten gäbe Muttermilch zu spenden, so dass zumindest die ganz Kleinen noch in den Genuss kommen können (gibt ja durchaus Frauen, die viel pumpen können).

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  2. Hallo, ich bin zufällig über deine Seite gestolpert. Du sprichst mir aus dem Herzen. Ich bin gerade mit unserem dritten Kind schwanger (38. ssw) und bereite mich auf die Geburt mit Meditation und Visualisierung vor. Das hat schon bei meiner Großen (2 J.) prima geklappt. Ich bin der Meinung, dass jede Frau ein Recht auf ihre Traumgeburt hat. Zum Stillen: Ich habe meinen Ältesten 14 Monate gestillt, nach Bedarf, dann wollte er von heute auf morgen nicht mehr an die Brust. Das war ok. Meine Tochter stille ich immer noch, ja während der Schwangerschaft. Die meisten finden das nicht normal und auch nicht notwendig. Selbst meine Frauenärztin riet mir ab zu stillen. Ich entschied mich dagegen. Achte auf meinen Vitaminhaushalt und gehe regelmäßig zu den Vorsorgeuntersuchungen. Alles läuft super. Wenn unsere jüngste auf der Welt ist, werde ich beide Kinder stillen und werde versuchen das Tandemstillen zu propagieren. Selbst meine Mutter sieht das skeptisch. Sie hat uns alle lange gestillt. Stillen nach Bedarf ist außerdem viel unkomplizierter als immer dieses nach der Uhr hecheln. Stressfrei sollte stillen sein und endlich wieder gesellschaftsfähig. Diesmal kaufe ich auch keine Notfallpulvernahrung falls es mit dem Stillen nicht klappt. Als natürliches Lebewesen weiß mein Körper was richtig ist und ich habe mit der letzten Geburt gelernt auf mich selbst zu hören und nicht auf das Protokoll. Das berühmte Kollostrum wird beim Tandemstillen trotzdem gebildet, die Brust produziert immer für den Bedarf des jüngsten Kindes. Einziges Risiko, es kann sein dass die Milch dem älteren Geschwisterkind nicht schmeckt und das direkt nach der Geburt mehr Milch als üblich fließt. Vielen Dank für Deine Mutmachseite 🙂

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    1. Hallo liebe Nan, vielen Dank für deinen Kommentar und herzlichen Glückwunsch zur dritten Schwangerschaft! Schön, dass du zufällig über mich gestolpert bist, hihi…
      Genau so soll doch stillen sein, ungezwungen, stressfrei, so lange wie es für alle Beteiligten (und das sind nur Mutter und Kind(er)) passt. ☺
      Ich wünsch dir und eurem dritten Wunder eine wunderschöne Geburtsreise und eine ruhige, entspannte Wochenbettzeit.
      Liebe Grüsse
      Tanja

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