Demut macht sich breit.

Ein paar schwierige Tage liegen hinter uns. Ich landete mit meiner jüngsten Tochter dort, wo ich nie hin wollte: Im Kinderspital. Zum Glück hatte meine kleine grosses, wirklich grosses Glück im Unglück und sie hat ihren Unfall gut verkraftet. Ein Oberschenkel ist gebrochen, das heilt wieder. Ich bin beeindruckt davon, wie gut sie sich mit der Situation abfindet, dass beide Beine und das Becken in Gips liegen, bewegungsunfähig sind.

Wir kommen langsam an im Alltag. In etwas mehr als zwei Wochen ist alles wieder rum. Doch Narben bleiben. Deshalb muss ich jetzt schreiben. Für uns ist alles wieder im Lot, wir können wieder vorwärts schauen. Ich für meinen Teil muss noch das verarbeiten, was ich auf der Kinderstation gesehen, erlebt und vor allem gefühlt hab.

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Krankenhaus ist nichts für eine hochsensible Mama wie mich. Das wusste ich schon lange. Krankenhaus mochte ich schon nicht, bevor ich Kinder hatte.

Ich hab viel geweint. Nicht nur um mein Kind, sondern auch um die vielen Schicksale, die sich um uns herum zugetragen haben. Demütig beobachtete ich die Mütter und Väter, die morgens ins Spital kommen, mit der Kühlbox voller abgepumpter Milch, um ihr Frühchen zu besuchen, um für ihr Kind da zu sein. Es kurz halten zu dürfen, zu füttern, Liebe zu geben. Ich sah weinende, verzweifelte Eltern in der Intensivstation ein- und ausgehen und fragte mich, wie sehr sie wohl um das Leben ihres Kindes bangen müssten.

Ich begleitete mein Kind in seine Narkose, sah, wie es langsam abdriftete in diesen Dämmerzustand und fragte mich, ob es wieder kommt. Ich bat es inständig, bitte bitte wieder aufzuwachen. Zurück zu mir zu kommen. Und fragte mich dabei, wie schlimm es sein müsste, sein Kind für immer einschlafen sehen zu müssen.

Deshalb ist dieser Text den Kinder, Mamas und Papas gewidmet, für die das Spital für ein Weilchen Alltag ist. Nicht nur für zwei Tage wie für uns. Nein für längere Zeit. Dieser Text ist den Menschen gewidmet, die für eine lange Zeit im Ausnahmezustand verharren. Manchmal auch ein ganzes Leben lang.

Ich verbeuge mich voller Demut vor euch  Kindern

Ihr wart für mich die grössten Helden. Ich sah euch kämpfen, leben, annehmen was ist. Ich erlebte, wie ihr euch unangenehmen Situation anpassen könnt, Untersuchungen erträgt, stark seit. Für eure Mamas und Papas. Für euch. Ihr macht weiter. Seit Kämpfer. Meine kleinen grossen Helden.

 

Ich verbeuge mich voller Demut vor euch FrühchenMamas und Papas. 

Ihr wart für mich die grossen Helden neben euren kleinen Helden. Wie ihr jeden Morgen an diesen Ort kommt, um euer Kind zu besuchen, bei ihm zu sein, es zu unterstützen beim Wachsen. So stellt sich keine Mutter den Start ins Leben vor. Ich kann nur erahnen, wie schwierig diese Zeit sein kann. Man hofft und bangt um sein winziges Kind, dass in einem lebenserhaltenden Kasten liegt und eigentlich noch im eigenen Bauch sein sollte. Selber wird man um sein Wochenbett betrogen, muss funktionieren, für das Baby da sein. Man muss aber auf eine ganz andere Art und Weise für das eigene Kind da sein als man sich das vorgestellt hat. Und muss es jeden Abend wieder alleine zurück lassen.

Ich musste mir immer wieder vor Augen führen, dass es eure Babies ohne diese Hochleistungsmedizin nicht geben würde. Und dennoch übermannte mich grosse Traurigkeit, als ich Nachts mit meinem Kind im Bett lag und wusste, dass eure kleinen ganz alleine schlafen würden, ohne Mama oder Papa. Und auch ihr geht Tag für Tag ohne euer Kind nach Hause. Ich spürte, dass eure Kleinen und ihr riesengrosse Kämpfer seit, unglaublich tapfer.

Ich verbeuge mich voller Demut vor allen Eltern, die ein schwer krankes Kind haben.

Das Bein von meiner Kleinen heilt wieder. Alles wird wieder gut. Es hätte aber auch anders kommen können. Viel schlimmer. Ich weiss, es kann immer schlimmer kommen. Und ich weiss auch, daran sollte man jetzt nicht mehr denken. Sagt man. Aber ich hätte es mir selber nicht verzeihen können, falls es schlimmer gekommen wäre. Ich hab jetzt schon Mühe damit, für mich anzunehmen, dass das was passiert ist, passiert ist. Ich kann es nicht mehr rückgängig machen. Und ja, ich weiss, ich bin keine schlechte Mutter. Aber ich fühle mich wie eine. Das hätte nicht passieren dürfen. Das hätte nicht passieren dürfen. Und doch ist es passiert.

Ich denke an Eltern, deren Kinder wirklich schlimme Unfälle erleiden mussten, bleibende Schäden davon tragen, mit einer schweren, unheilbaren Krankheit oder mit einem Handicap auf die Welt kommen. Das Leben dreht um 180 Grad. Kein Stein bleibt mehr auf dem anderen, ein riesengrosser Wendepunkt bricht an. „Normal“ gibt es nicht mehr. Man funktioniert. Ein Leben lang. Für sein Kind. Kämpft. Verteidigt. Findet heraus, was man in dieser Situation gerade braucht. Als Familie, für das spezielle Kind. Man versucht zu verarbeiten. Eine ganz eindrückliche Geschichte ist die von Mael. Seine Mama ging früher mit mir in die Primarschule. Oft muss ich an den kleinen, tapferen Jungen mit der unheilbaren Krankheit Niemann Pick C und seiner Familie denken. Und ich bin ganz oft beeindruckt.

Ich verbeuge mich voller Demut vor allen Eltern, die ihre Kinder zu den Sternen fliegen lassen müssen.

Für mich ist es das schlimmste, was einer Mutter und einem Vater passieren kann. Ein Kind zu verlieren. Es los lassen zu müssen. Zu den Sternen fliegen zu lassen. Ich kann nur ganz dumpf erahnen, wie es ist, sein Kind wieder ziehen lassen zu müssen. Zwei Fehlgeburten waren ein kleines Muster für mich davon, wie es sich anfühlen muss, wenn man ein Kind verliert, dass längere Zeit bei einem gewesen ist. Tausend Stiche ins Herz. Leere. Unverständnis. Trauer. Riesige MamaTrauer.

Ich verbeuge mich voller Demut und Dankbarkeit vor allen Pflegefachpersonen.

Ich weiss es nicht, wie ihr den Alltag schafft, ganz ehrlich. Ich könnte eure Arbeit nie tun. Mir fehlt die Fähigkeit, mich abgrenzen zu können. Mein Respekt gebührt euch. Wie ihr euch um diese winzigen Geschöpfe kümmert, Eltern betreut, Mut gibt, Vertrauen schafft, da seit, dient. Schicksale verkraftet. Tag für Tag. Danke dafür. Respekt.

Das Bein meiner Kleinen heilt wieder.

Mein Herz wird sich irgendwann wieder etwas leichter anfühlen. Eine kleine Narbe wird bleiben. Und die Demut und Dankbarkeit, drei gesunde Kinder zur Welt gebracht zu haben. Ich weiss, es geht auch anders. Viel schlimmer. Der Kopf der weiss das, der wusste das schon immer. Mein Herz hat die letzten Tage gespürt, was „viel schlimmer“ bedeutet. Was es bedeutet, wenn es einfach „dumm läuft“.

Im Gedanken umarme ich all jene, die sich im Moment in einem solchen „schlimmen“ Film befinden.

Ihr seid meine Helden.

 

5 thoughts on “Demut macht sich breit.

  1. Das hast Du in ganz wunderbare Worte gefasst… so empfinde ich das auch.
    Ich glaube, man möchte gar nicht wissen, nicht fühlen, welche Sachen sich teilweise hinter den Kliniktüren abspielen.
    In dem Krankenhaus, dass so mitten in der Stadt steht und für alle sichtbar ist – das Unsichtbare sind die Schicksale.
    Obwohl sie direkt mitten in der Stadt passieren.

    Gefällt 1 Person

  2. Ein wunderbarer Text. Ich kann mich dem nur anschließen. Unser kleiner Mann wurde mit 4 Wochen operiert, er bekam eine Nierenbeckenplastik. Wir waren 10 Tage in der Kinik und für mich war es ein Alptraum. Ich hasse Krankenhäuser…selbst nach meinem KS bin ich nach 2 Tagen quasi geflüchtet. Nach der sehr gut überstandenen OP musste der kleine Zwerg noch 7 Tage einen Katheter „tragen“. Das war zum Glück nicht halb so schlimm wie gedacht…sobald ich wieder stillen und er essen durfte ging es uns gut. Sehr gut, gemessen an den Eindrücken die eine Kinderstation hinterlassen. Ich kann mich nur anschließen, man wird demütig und dankbar. All die Bilder und Geräusche haben mich lange verfolgt. Wir sind nach 10 Tagen nach Hause mit einem gesunden kleinen Kerlchen. Und ich bin schnell im Alltag mit 2 kleinen Kindern gelandet…mit sehr viel Demut, Dankbarkeit und dem allerhöchsten Respekt für alle Eltern, die so viel mehr aushalten, ertragen und kämpfen müssen und für all die Ärzte und das Pflegepersonal die tagtäglich so viel investieren, um den kleinen Patienten und auch den Eltern zu helfen und sie zu unterstützen. Heute ist der Zwerg schon bald 2 und alles ist gut. Wir müssen nur noch 1x jährlich zur Ultraschallkontrolle. Ein Klacks gegen das was hinter uns liegt…

    Gefällt 1 Person

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