Lebst du schon oder träumst du noch den Traum der Vereinbarkeit?

Hand aufs Herz lieber Mensch, der du mich gerade liest: Wie wichtig ist dir dein Job? Deine Familie? Deine Kinder? Deine Freizeit? Und wie vereinbarst du das alles miteinander? Hattest du, liebe Mama mal ganz hochfliegende Pläne was du alles noch arbeitest wenn das Baby erst mal da ist, sich alles irgendwie eingependelt hat? Sind die Pläne auf gegangen? Oder hast du sie begraben? Oder findest du dich jeden Tag wieder, kämpfend, um deinen Plan in die Wirklichkeit umzusetzen?

Unser grosser Traum wäre es schon immer gewesen, dass wir beide 50 oder 60% arbeiten. Mein Mann und ich. Und jeder von uns zu Hause seine Familientage hat. Diesen Traum haben wir gemeinsam angefangen zu träumen, bevor ich zum ersten Mal überhaupt schwanger war. Er ist schon alt also.

Diesen Traum mussten wir begraben. Ziemlich schnell. Und doch ist er immer noch in meinem Hinterkopf, dieser Traum. Ich lass ihn nicht los. Weil ich an die Gleichberechtigung glaube. Weil ich daran glaube, dass es allen beteiligten in einem System, dass wir Familie nennen gut tut, zu gleichen Teilen etwas zum Lebensunterhalt und zum Familienleben beizutragen. Weshalb mein Traum gerade ganz ganz tief verbuddelt ist, davon handelt dieser Artikel. Hier die Gründe:

1. Die Sache mit dem Lohn.

Auch hier in der Schweiz ist es noch so, dass Frauen ca. 20% weniger verdienen als die Herren. 20%. Das ist eine ganze Menge. Auch mein Mann verdient weitaus mehr als ich. Obwohl ich mit meinem Abschluss einer höheren Fachschule „gebildeter“ bin als er. Naja. Shit Happens. In seiner Branche sind die Löhne einfach höher als in meiner. Als Familie sitzen da halt mehr als nur zwei hungrige Mäuler am Tisch und da zählt der am meisten, der auch am meisten Heim bringt. Teure Ausbildung hin oder her. Unter dem Strich hat sein Job, haben seine Arbeitsstunden mehr wert als meine. Er muss für mehr Geld weniger arbeiten als ich. Er hat mehr Ferien als ich, kann seine Überstunden aufschreiben und bekommt sie kompensiert, was auch wieder der Familie als Freizeit zugute kommt. Nur, auch wenn wir beide den genau gleichen Job machen würden, dieselbe Ausbildung hätten würde er wohl den besseren machen, weil grundsätzlich heute immer noch die Männer mehr verdienen als die Frauen, für dieselbe Arbeit. Vielleicht stimmt es, dass wir selber schuld daran sind an der Misere, weil wir zu wenig frech sind, zuwenig underen „Mann“ stehen und mehr einfordern. Wer weiss. 1:0 also für den Mann.

2. Die Sache mit Teilzeit arbeitenden Männern.

Mein Mann und ich teilten uns damals, als wir zwei Kinder hatten ein 60% und 80% Arbeitspensum. Wobei mein Mann in einer Firma arbeitete, die sehr fortschrittlich war, die, so hiess es in deren Leitbild, es den Männern bis ins mittlere Kader ermöglichen wolle, Teilzeit arbeiten zu können. Nun, was in Leitbildern steht und wie es dann im Betrieb selber gelebt wird, das sind oft zwei verschiedene Paar Schuhe. Als Teilzeit arbeitender Mann wird man nicht so ernst genommen. Weil man ist ja einen Tag oder gar die halbe Woche weg. Übrigens gilt das auch für Teilzeit arbeitende Frauen. Ich glaube, in den Köpfen herrscht sowas wie eine ArbeitsPensum Hirarchie. Da sind die, die 100% arbeiten ganz oben. Nur, dass viele 80% Pensum arbeitende oft ein 100% Pensum in vier Tagen hin legen, das spricht selten jemand an. 1:0 für den, der einen 100% Job hinlegt.

3. Die Sache mit dem Mutterschaftsurlaub und dem Vaterschaftsurlaub, den es hier nicht gibt.

Ich lebe in der Schweiz. Eines der (noch) reichsten Länder hier auf diesem Planeten. Wer hier her reist, der merkt ziemlich schnell, dass es uns gut geht. Auf den Strassen flitzen die neusten, beulenfreien Autos. Wird ein Paar Eltern hier in der Schweiz, dann hat die Mutter ein Recht auf 14 Wochen Urlaub und Mutterschaftsentschädigung, sofern sie vorher gearbeitet hat. Das heisst, dass sie 14 Wochen nach der Geburt des Kindes noch 80% von ihrem Lohn erhält, bis sie dann wieder arbeiten geht. Männer erhalten per Gesetz einen Tag frei. Das reicht gerade mal um bei der Geburt mit dabei zu sein. Falls sie nicht lange dauert. Langsam machen sich auch in der Schweiz Stimmen laut, die einen Vaterschaftsurlaub für alle fordern. Bis der in Kraft tritt wird es wohl noch eine Weile dauern.

Sowas wie Mutterschutz kennen wir nicht. Wir haben drei Möglichkeiten als Schwangere: Wir arbeiten durch bis zum Geburtstermin (erholen kann Frau sich ja dann nach der Geburt, im Urlaub, *lach), nehmen vor dem Geburtstermin noch zwei bis drei Wochen Ferien, oder fühlen uns hoffentlich so unwohl, dass uns der Arzt bis zur Geburt krank schreibt.

Möchte eine Frau hier also nach dem Mutterschaftsurlaub wieder arbeiten, dann ist das 14 Wochen nach der Geburt des Kindes der Fall (übrigens auch dann, wenn das Kind zu früh zur Welt kommt. Bis jetzt noch.)

Ich hab zwei Mal nach 14 Wochen wieder gearbeitet. Ich kann also ein Wörtchen mitreden. Und ja, ich versuche, nicht wertend zu sein. Mein Wochenbett war ziemlich unentspannt, weil meine Kinder relativ früh schon an die Flasche gewöhnt werden mussten, da sie ja in der Zeit, in der ich nicht zu hause war ernährt werden mussten. Ich selber konnte die Arbeit mit der ganzen Abpumperei auch nicht mehr geniessen. Das war nur eine der vielen Hürden, die wir überwinden mussten, damit ich wieder arbeiten konnte.

Mein drittes Kind ist jetzt zehn Monate alt. Das Arbeiten als Angestellte hab ich seit Ende 2014 eingestellt, weil es sich für uns nicht mehr gelohnt hat. Es war nur noch ein Hobby, eine Beschäftigung für mich. Finanziell haben wir  keine Nachteile davon gemerkt. Denn das, was mein Mann mehr verdient, wenn er zu 100% arbeitet und was wir nicht mehr für Kita und Steuern zahlen müssen, das hebt sich auf. Würde ich heute, mit drei Kindern wieder arbeiten wollen in meinem angelernten Beruf würde ich drauf zahlen. Also würde mein Beruf zum Hobby. Zum teuren Hobby oder so ähnlich.

In der Schweiz gibt es viele Frauen, die freiwillig länger pausieren als diese 14 Wochen. Weil sie sich das leisten können. Weil wir ja froh sein dürfen, dass wir wenigstens diese 3,5 Monate haben, in denen wir 80% vom Lohn erhalten. Stimmen, die etwas lauter werden und einen längeren Mutterschaftsurlaub fordern, gibt es hier nicht. Weder von einer Partei, noch von einer Politikerin oder einem Politiker.  Sie haben mich jedenfalls noch nicht erreicht.

Ich treffe immer wieder auf Arbeitgeber, die mir beteuern, dass ein längerer Mutterschaftsurlaub einfach nicht drin liegt, dass das vielen Unternehmen das Genick brechen würde, vieeeeel zu teuer sei. Was ich ehrlich gesagt nicht ganz verstehe. (Ihr dürft mich sehr sehr gerne eines Besseren belehren liebe Arbeitgeber, ich lerne gerne dazu.) Denn die Mutterschaftsentschädigung bekommt jedes Unternehmen vom Staat zurück erstattet. Sie wird aus der gleichen Kasse finanziert wie die Erwerbsersatzentschädigung der Männer, die Militärdienst machen.

260 Militärdiensttage hat ein Mann zu absolvieren. Lustiger Weise bin ich noch nie auf einen Arbeitgeber gestossen, der sich Militärdienst leistende Männer nicht leisten kann.

Klar ja, ich weiss, die Männer kommen nach dem Dienst wieder zu 100% arbeiten und das machen die Mütter meistens nach der Geburt dann doch nicht. Mutterschaftsurlaub dauert 98 Tage. Da sind wir bei zwei Kindern, die eine Frau gebärt bei 196 Tagen immer noch unter dem männlichen Militärdurchschnitt.

4. Die Sache mit der Betreuung.

Nach 14 Wochen wieder zu arbeiten bedeutet auch, dass ein 3,5 Monate altes Baby betreut werden muss. Entweder von Vätern, die zu Hause bleiben, von Grosseltern, Bekannten, Tagesmüttern oder eben von einer Kita.

In unserem Fall hat der Papa einen Tag die Kinderbetreuung übernommen und einen oder zwei Tage waren die Grossen in der Kita. Wir hatten das Glück, eine ganz tolle Kita gefunden zu haben, die klein und fein war. Unsere Kinder fühlten sich dort wohl und auch ich konnte sie mit einem guten Gewissen dort lassen.

Würde ich heute einen Tag arbeiten wollen und meine drei Kinder in einer Kita betreuen lassen, würde mich das im Monat 1320.- Franken kosten. Drei Kinder. Einen Tag in der Kita. Und ganz ehrlich, ich finde das nicht mal zu teuer, denn 105.- Franken bzw. 120.- Franken pro Tag und Kind sind nicht wirklich viel. Nur: Damit ich mit meinem Job noch ein bisschen verdienen würde und auch meine Steuern zahlen könnte, die ja durch mein Einkommen auch höher werden, müsste ich für einen 20% Job 2000.- Franken im Monat verdienen. Leider will mich so keiner einstellen. Falls doch, darf der- oder diejenige sich gerne bei mir melden!

Das ist wohl auch der Grund, weshalb man hier in der Schweiz unter der Woche ganz viele Kinderwagen schiebende Grosseltern antrifft. Viele Frauen können sich eine Kita Betreuung schlichtweg nicht leisten. Auch mit Staatlichen Vergünstigungen nicht.

5. Was einem dann noch übrig bleibt. Kreative Lösungen.

Das ist eine gute Frage. In meinem Fall ist mir ganz ganz viel übrig geblieben: Die Idee, mich selbständig zu machen, mich umzuorientieren. Mir meinen Job selber zu kreieren, so, dass er für mich und meine Familie passt. Dafür muss ich aber einiges los lassen. Eine Ausbildung, die mich richtig viel Geld gekostet hat. Terrain, in dem ich mich wohl fühlte, wo ich wusste, das kann ich richtig gut. Ich erfinde mich gerade neu. Dafür stehe ich morgens um 4.30 Uhr auf, um eine oder zwei Stunden mit klarem Kopf für mich und mein Business arbeiten zu können. Dann, wenn der Rest der Familie (hoffentlich) noch schläft. Dann überlege ich mir,  was die Welt da draussen von mir brauchen könnte, wie mein Geschäftsmodell aussehen soll. Wie ich alles unter einen Hut bringen kann.

Nicht jede Mutter kann das. Weil es viele gibt, die darauf angewiesen sind zu arbeiten. Und vor diesen Müttern zieh ich den Hut. Ich weiss, was Vereinbarkeit bedeutet, was es heisst, jeden Tag diesen Spagat zu machen. Den Kindern, dem Mann, dem Chef, den Arbeitskollegen gerecht zu werden.

Das ist ein Knochenjob. Und kann einem manchmal ganz schön fertig machen als Frau. Als Mutter. Weil man das Gefühl hat, zu wenig für die Kinder da zu sein. Weil man ein schlechtes Gewissen hat, wenn man wieder zu spät zur Arbeit erscheint, weil die Kleine partout nicht in die Kita wollte. Weil der Chef schon wieder einer dieser komischen Kommentare fallen lässt, wenn wir zu Hause beim kranken Kind bleiben. Weil uns der Job einfach nicht mehr so viel Spass mehr macht wie auch schon, weil wir in der TeilzeitJobEcke das machen, was man eben in zwei oder drei Tagen noch so machen kann. Weil Karriere nicht mehr drin liegt, und weil wir das ja alles so wollten. Wir wollten dieses Studium, diese gute Ausbildung, diese Weiterbildung, haben Geld, Zeit, Nerven und Blut investiert. Und dann?  Dann waren wir es, die auch noch Kinder wollten. Wir hätten ja nicht müssen. Selber schuld. Dann schau mal selbst. Alles kann man im Leben nicht haben. Sind alles Luxusprobleme hier.

Plötzlich scheint es mir, gibt es nur noch zwei Entscheidungsmöglichkeiten: entweder mutierst du zur Vollblutmama, kannst es dir leisten, Hausfrau zu sein, oder du bist die Rabenmutter, die Kinder und Familie zur Seite stellt für die eigene Karriere.
Ich bin weder Feministin noch hab ich politisch den Durchblick. Ich gehe aber mit offenen Augen durch diese Welt, so hoffe ich jedenfalls. Aber trotzdem hab ich nicht aufgehört zu träumen. 

Von einer Schweiz, in der Frauen und Männer für die gleiche Arbeit gleich viel verdienen. Überall.

Von einer Schweiz, in der auch Männer einige Wochen Zeit bekommen, um in ihrer Familie anzukommen. Um Vater zu werden.

Von einer Schweiz, in der Frauen vielleicht etwas länger als 3,5 Monate für ihre Babies da sein dürfen, bevor sie wieder in das Arbeitsleben einsteigen.

Von einer Schweiz, in der es möglich ist, sich als Paar Familienarbeit und Job zu teilen. Zu gleichen Teilen.

Von einer Schweiz, in der Vereinbarkeit nicht nur ein Modewort ist, sondern etwas, dass erstrebens- und lebenswert ist.

Von einer Schweiz, die ihre InnovationsKraft auch mal dafür nutzt, in der Arbeitswelt neue Wege zu gehen, neue Lösungen auszuprobieren.

Von einer Schweiz, die nicht immer nur davon redet, dass hier Fachkräftemangel herrscht, sondern die Fachkräftevielfalt sehen würde, diese vielen kreativen Mütterköpfe in den Familien erkennt und diese Frauen fördert. Und zwar so, dass sie ihre Kreativität in der Familie, wie auch in einem Job ausleben können.

Von einer Schweiz, die erkennt, dass der so hoch gepriesene demokratische Grundgedanke von unserem Land in einer Familie beginnt. Und diese stärkt. Damit es allen gut geht. 

Amen.


One thought on “Lebst du schon oder träumst du noch den Traum der Vereinbarkeit?

  1. 3,5 Monate finde ich auch verdammt kurz! Ich habe jetzt in Deutschland vier Jahre lang nach einem Modell gesucht, das für mich mit einem kleinen Kind funktioniert und ich muss sagen, jetzt, da ich drei Tage in der Woche für jeweils fünf Stunden arbeite (und nicht einmal alles an aufeinanderfolgenden Tagen) habe ich das Gefühl, dass sich mein Leben wieder machbar anfühlt. Liebe Grüße

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