Ich seh dich nicht, und du mich nicht…

Wer kennt sie nicht, die Pippi und der Michel, die uns zum Lachen bringen, die uns in unsere Kinheit zurück katapultieren und unsere Sehnsüchte wecken. Ach, wie gern wär ich diese Pippi gewesen als Kind. Und heute noch ist sie meine heimliche Heldin. Hand aufs Herz: wir lieben sie, diese Figuren, aber wenn unsere Kinder genau so wären wie Pippi oder Michel, dann hätten wir ein RIESENgrosses Problem. 

Ich bin sie, diese verrückte Mutter, die im Supermarkt steht mit drei Kindern, dem Kleinsten im Wagen, dem Grössten schön brav neben mir und der Mittleren, die die ganze Migros aufwühlt, mit ihrem Einkaufswagen voller Kinderschokolade und ungesunden, AngryBirds Pseudofruchtsaft selbst mal an die Scannerstation geht und dann auf Nimmerwiedersehen auf den Parkplatz verschwindet, währendem ich erst mal das nötigste im Einkaufswagen hab.

Wie oft hab ich schon den Laden betreten und mich gefragt, ob sich das Verkaufspersonal jetzt wohl denkt „oh neiiiiin, nicht schon wieder dieses verrückte Huhn mit ihren drei noch verrückteren Kindern“

Ich bin die Mutter, die lauthals gefühlt tausend Mal den ganzen Tag immer wieder „Noooooooooovaaaaaaaaa schreit.“ Überall. Dabei komm ich mir vor wie der Vater vom berühmt berüchtigten Miiiiiiiiiiiiiiichel. Ja unsere mittlere Tochter ist wohl eine Mischung zwischen Pippi und Michel.

Nova hier und Nova da. Aber Nova ist nie bei mir. Sie ist irgendwo. Irgendwo in ihrer Welt. Und die scheint völlig heil und intakt und toll zu sein. Das wiederum find ich etwas wunderschönes, und ich will es ihr nicht nehmen.

Nur:

Wie geht man mit einem Kind um, das partout nicht auf einem hören will?

Es ist anstrengend. Sauanstrengend sogar. Mich haben schon andere Mütter gefragt, ob bei meiner Tochter etwas mit den Ohren nicht stimme. Mir haben schon andere Mütter beteuert, sie würden anfangen, Haschisch zu rauchen, hätten sie ein solches Kind.

Und dennoch find ich mein Kind und seine Unbeschwehrtheit, ihren Lebenswillen und ihre eigene, heile Welt so beeindruckend, inspirierend, wunderschön.

Meine Mittlere geht so durch die Welt, wie sie geboren wurde. Gradlinig. Tätschbäng Meräng, hier bin ich. Mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht. Mit einer Fröhlichkeit die tief aus dem Herzen kommt. Mit einem Urvertrauen, dass ich nur selten bis jetzt bei jemandem gesehen, gespürt und erlebt hab.

Und genau deshalb wünsch ich mir, dass sie das alles niemals nie verlieren mag. 

Diese selbstbewusste, unbekümmerte, wertfreie Art, diese Verbindung zu ihrer Welt. Sie ist meine kleine Heldin. Mein Herz geht auf, wenn ich sie sehe, wie sie Weinbergschnecken zusammen sammelt, ihnen ein komfortables Bettchen aus einem grossen Blatt macht und sie achtsam und sanft darauf bettet.

Ihre Welt muss wundervoll sein. Bunt, laut, wild, grenzenlos, spannend, voller Abenteuer. Ich will sie ihr lassen, so lang es geht, der Ernst des Lebens beginnt noch früh genug. Ich möchte sie noch lange Zeit staunen sehen, voller Selbstvertrauen durch diese Welt rennen sehen, ich möcht ihre ungezügelte Energie spüren. Und ich hoffe insgeheim, dass sie das alles niemals verlieren wird.

Genau das macht es für mich oft schwierig als ihre Mutter. Denn in dieser Welt gibt es  Regeln. Regeln, die es auch für meinen Freigeist Nova zu befolgen gilt. 

Dann, wenn der Respekt gegenüber anderen Menschen für mich nicht mehr gewahrt wird, dann wird es für mich schwierig meine Tochter so anzunehmen, wie sie ist, sie in ihrer Energie zu lassen.

Vor knapp einer Woche waren wir mit ein paar anderen Müttern und ihren Kindern bei uns im Dorf beim Kebap Imbiss einen Sirup trinken und ein Chips essen. Die Kinder liefen hin und her und irgendwann wurde alles ziemlich bunt und laut und anarchistisch. An vorderster Front war natürlich meine Tochter. Und so begann sie, auf den Polstern des Restaurants rum zu turnen.

Gestört hat es niemanden. Ausser mich.

Und wie. Immer mehr und mehr.

Es ging mir zu weit. Für mich ist dieses Verhalten respektlos gegenüber den Besitzern des Imbisses und so sagte ich gefühlte tausend mal „NEIN“. Das „NEIN“ wurde nicht gehört.

Ich wurde nicht gehört.

Ich fing damit an, meine Tochter von den Polstern weg zu heben. Vergebens.

Langsam merkte ich wie meine Wut immer grösser wurde, ich immer ungeduldiger, nervöser und agressiver wurde.

Weshalb?

Weil ich mich nicht gesehen fühlte.

Meine Tochter hörte und sah mich nicht. Wie so oft, wenn sie etwas in ihrem dicken Kopf hat. Sie hat mich einfach aus ihrer Welt ausradiert.

Ich wollte gehen, konnte aber nicht weil wir noch eine Pizza bestellt hatten.

Ich fühlte mich immer ohnmächtiger, je lauter und wilder und unkontrollierter die Situation wurde. ich fühlte mich so ohnmächtig, dass ich nicht mehr rational denken konnte, meine Tochter packte und ihr einen Klaps auf den Hintern gab.

Vor den andern Müttern. Ich hätte heulen können, was meine Tochter im Übrigen nicht tat, sie machte fröhlich weiter mit ihrem PolsterhoppsSpiel. 

Ich stand da, fertig mit mir und meinen Nerven. Oooooooh ja, auch mir passiert das! Auch wenn ich mich Erde, Licht einatme und mich ausdehne. Auch mir passiert es, dass ich austicke, dass ich nicht mehr anders kann als aus dem Affekt heraus zu handeln.

Und ich find das ganz schlimm von mir. Am liebsten hätt ich mir selbst danach den Arsch versohlt. 

Ja, ich weiss, dass es anderen Müttern auch so geht. Und dass jetzt ein paar von euch auch froh darüber sind, dass ich darüber schreib.

Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich mich trotzdem total scheisse gefühlt hab zu diesem Zeitpunkt. Auch heute noch, wenn ich an die Situation zurück denk. 

Denn ich möchte nicht eine solche Mutter sein. Und es sollte doch einen Weg geben, in dem ich zu meiner Tochter durchdringen kann und sie mich hört, sie mich nicht so an meine Grenzen bringt.

Ich hab seitdem viel darüber nachgedacht, was an diesem Tag falsch gelaufen ist. Ich hab viel mit meinem Mann darüber gesprochen. Und er hat wohl recht mit seiner Frage, die er mir gestellt hat: „wie soll deine Tochter dich sehen, wenn du sie nicht siehst?“

Oh ja, wie soll sie mich sehen, wenn ich sie nicht seh. Eine gute Frage. Wir haben uns verloren. Im Moment. Sie lebt in ihrer Welt und ich in meiner. Und irgendwie, ja irgendwie müssen wir wieder zueinander finden, damit wir einander wieder richtig spüren können. Akzeptieren können, dass jede von uns ihre Bedürfnisse hat.

Wir müssen lernen, dass ich sie in ihrer Welt lasse, dann wenn sie das machen kann in einem geschützten Raum. Und sie muss lernen, dass es in der Welt da draussen ein paar Regeln gibt, die es für mich zu befolgen gilt. Respekt zum Beispiel. Und Freundlichkeit.

Ich wünsche mir, dass meine Kinder die Menschen da draussen sehen und wissen, dass auch sie Bedürfnisse haben und ihren eigenen Raum, ihre eigene Welt haben, die es respektvoll zu wahren und zu behandeln gilt. Ich glaube fest daran, dass auch eine Dreijährige das irgendwie begreifen kann.

So wie sie gesehen werden will, so wollen wir alle gesehen werden. Auch ich als Mutter, ich als Verantwortliche für meine Kinder.

Das rechtfertigt meinen Klaps auf den Popo auf keinster Weise. Und bitte schreibt mir im Kommentar nicht, dass das noch niemandem geschadet hat. Denn ich finds überhaupt nicht cool von mir, was ich getan hab und es brauchte recht viel Mut für mich, darüber zu schreiben, aber ich glaube, dass ich nicht die einzige Mutter bin, die so fühlt wie ich, die sich selber auf diese Art und Weise überhaupt nicht mag, die eine andere Mutter sein will als sie gerade in diesem beschissenen, bekackten Augenblick gerade ist.

Ich hab den Raum von meiner Tochter auch nicht gewahrt. Und ich bin der Überzeugung, dass es auch anders geht. Ich bin noch auf dem Weg, es heraus zu finden, wie diese Pippi Nova auf mich hören kann, dann, wenn es wichtig ist. Wir werden einen Weg finden.

Ich will es nicht verbiegen dieses Kind. Zu sehr bin ich beeindruckt von dieser Kraft, diesem Selbstvertrauen, diesem Vertrauen ins Leben, dieser Power, diesem Freigeist.

Nein ich will dieses Kind nicht brechen, ich will es sehen, so sehr, wie ich mir wünsche, dass ich gesehen werde von ihm.

 

6 thoughts on “Ich seh dich nicht, und du mich nicht…

  1. Seit ich gelesen habe, dass genau diese Kinder, wie deine Tochter eine ist, eine äusserst gesunde Zirbeldrüse haben, wo sie bei anderen Kindern (und natürlich Erwachsenen) oft in Folge von „Bravheit“ und „Angepasstheit“ mit anderen Folgen zu verkümmern beginnt, hat sich meine Sicht und mein Umgang mit genau diesen Pippi-Kindern enorm verändert. Ich wünsche dir viel Kraft, damit umzugehen und freue mich für deine Tochter, dass du als ihre Mutter sie trotz allem in ihrem Potenzial anerkennst!!

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    1. Liebe Patrizia, vielen lieben Dank für deinen Kommentar, ja so sieht das bei mir auch aus… Manchmal sind diese Kinder leider einfach nicht so Altagskompatibel. Das wären wir aber eingentlich auch nicht, wenn wir unser Leben nach uns und nicht uns nach irgendwelchen abgespaceten Normen richten würden.

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  2. Liebe Tanja! Auch hier wieder DANKE für deine Worte!!! Ich habe eine 9 jährige Tochter, wo ich immer sage, dass sie Pippi Langstrumpft, Ronja Räubertochter und rote Zora (sie hat rote Haare!!!) in einem ist! Und ihre kleine Schwester (5 J.) folgt ihr mit großen Schritten! Zwar auf ihre eigene individuelle Art, aber sie werden sich immer ähnlicher! 😉 (Haben auch dieselbe Lebenszahl.) Viele liebe Grüße aus dem hohen Norden, Ramona *

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  3. Mir fällt noch eine Geschichte ein, aus meiner Arbeit mit Mamas und Kindern:
    Ich begleitete eine Schwangere, die sich zum Hypnobirthing Kurs angemeldet hatte. Während des ersten Gesprächs erfuhr ich, dass sie nach der komplikationsreichen BEL-Geburt mit Notkaiserschnitt eine Postpartale Depression hatte, für die sie noch aktuell Medikamente nahm. Und dass ihr Kind rund um die Uhr geschrien hatte, heute noch unendlich anstrengend ist und sie froh ist, sie für 2 Stunden in die KITA zur Eingewöhnung zu bringen. Sie beschrieb mir, wie das Schlafen in der Nacht ablief und ich dachte mir, da läuft was schief. Ich beschrieb der Mutter einige Anzeichen bei 1,5-jährigen Kindern für Bindungsverunsicherungen und fragte sie: Was bezahlst Du eigentlich für den KITA-Platz. Ich wusste, dass beide Eltern gut dotierte Stellen hatten. „WAS 750,– Euro für 35 Stunden?!?! 35-Stunden-Woche für 1-Jährige. Für mich haben Gewerkschaften gekämpft, damit die 40-Stunden-Woche auf 35 gesenkt werden. 750,– Euro, dafür kriegst Du doch eine Kinderfrau nach Hause. ist das nicht einfacher? Du hast zwei Stunden für Dich, brauchst kein Kind 4 x am Tag an- und ausziehen“. Zum nächsten Termin kam die Mama: „Doris, gestern habe ich mein Kind in die KITA gebracht, sie hat sofort mit Stress reagiert. Du hast vollkommen Recht. Ich bleibe mit ihr zu Hause. Aber jetzt ist sie wieder so anstrengend, dass ich abends vollkommen fertig bin.“

    Ich habe einen Haustermin vereinbart, um die beiden zu beobachten udn wurde von einer zuckersüßen Kleinen begrüßt, ich war sofort in sie verliebt. Als ich mit Mama am Tisch saß,schmiss sie mir krachend ein Ü-Ei vor die Füße. Ich wusste, dass sie immer Sachen auf die Erde schmiss und wenn Mama sagt, dass es genug ist, dann geht’s Drama richtig los. Jetzt lag das Ei unter dem Tisch. ich guckte es mir an und sagte trocken“ Ach, da liegt das Ei“ und unterhielt mich weiter mit der Mama. Die Kleine saß dann bei uns und ging bald wieder spielen. Diesmal nahm sie Holzfiguren von der Weihnachtskrippe und pfefferte sie auf den Parkettboden. Volles Rohr. Ich schaute die Kleine ganz lieb an und sagte: Das finde ich doof.

    Ich staunte nicht schlecht, als die Süße die Krippenfigur aufhob und ganz leise nochmal auf den Boden legte.

    Sie war es gewohnt, dass ihre Mutter mitgespielt hatte und wenn es der Mutter reichte, dann verstand sie die Welt nicht mehr. War ganz klar!

    Dann fragte ich die Mutter, ob sie Duplo-Steine oder ähnliches hat. Wir haben uns auf den Teppich gesetzt und die Kleine hatte in ihren kleinen Händchen zwei Steine und fummelte feinmotorisch so lange, bis die Steine passten. Ihre Mutter gab ihr die ganze Zeit Anregungen … die Schuldgefühle nach missglückten Geburten, die Müttern oft im Wege stehen, ihre Kinder loszulassen und einfach machen zu lassen. Mutter will was gut machen… „Schau mal, setz Dich mal zurück und mache die Ruheatmung zusammen mit Deinem Baby im Bauch.“ Was glaubst Du, was gerade im Gehirn von Deinem großen Mädchen los ist, während sie sich anstrengt und die Steine in einander steckt. Sie hat doch gerade ganz viel Spass und wenn sie so konzentriert mit sich ist, hat sie abends eine Menge getan und fällt abends todmüde ins Bett.“ Das Paar hat dann wirklich eine Kinderfrau eingestellt, die nach Hause kommt.

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